2019: Unverpackt-Läden boomen. Immer mehr Kunden bringen ihre eigenen Gefäße zum Verstauen mit. Auch im Supermarkt gehört es inzwischen zum gewohnten Bild, das Obst oder Gemüse ohne Verpackung zu wählen, oder an der Käsetheke seine eigene Box zum Befüllen hinüberzureichen.
2020: Dann kam Corona. Und mit diesem kleinen Virus die Renaissance der Verpackung. Denn Hin- und Herreichen wird als unhygienisch empfunden. Unverpackte Lebensmittel – da könnte ja schon ein anderer Kunde draufgehustet haben?!

Verpackung in Corona-Zeiten

Die Verpackung soll jetzt nicht mehr in erster Linie das Produkt schützen, sondern den Kunden! Am besten wäre noch eine sich selbst desinfizierende Oberfläche … gut, das bleibt Wunsch. Ansonsten soll eine Verpackung um ein Produkt die klassischen Zwecke erfüllen:Verpackung Obatzter Alpenhain

  • das Produkt selbst schön präsentieren und beim Kunden Kauflust wecken
  • Produktinformationen liefern
  • den Käufer binden, zum Beispiel mit einem Gewinnspiel, wie es Alpenhain beim Obazden gerade macht
  • das Produkt (und neu: den Kunden) schützen.

Zusätzlich kommt der Nachhaltigkeitsaspekt verstärkt in den Fokus. Eine Verpackung soll möglichst umweltfreundlich sein. Also aus Papier / Pappe / Glas statt Plastik? Ganz so einfach ist es doch nicht …

Anforderungen an eine nachhaltige Verpackung

Die drei Aspekte der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie, Soziales. Also einfach die bisherige Plastikverpackung durch Papier ersetzen? So simpel ist das nicht … Als Erstes muss geprüft werden, welche Materialien grundsätzlich für den Verpackungszweck einsetzbar sind: Ist Luftdurchlässigkeit notwendig? Transparenz erforderlich? Kälte- und / oder Hitzeresistenz? Durchweichschutz? Steht die Grundauswahl fest, dann kann der Hersteller an die Nachhaltigkeits-Aspekte gehen.

Ökologie

  • geringer Ressourcenverbrauch in der Herstellung (dabei neben den Materialien auch den Energieverbrauch berücksichtigen!)
  • hohe Recycelbarkeit (Beschichtung bei Papierverpackungen, gutes Deinking, Trennbarkeit der eingesetzten Materialien als einige Beispiele)
  • Einsatz nur unbedenklicher, unschädlicher Materialien und umweltfreundliche Entsorgung der Produktionsreste inklusive etwaiger Abwässer
  • Transportweg – eine Verpackung wird in der Regel nicht am Ort der Befüllung produziert. Wie weit muss sie „herbeigeholt“ werden, mit welchem Transportmittel (CO2-Ausstoß)?

Ökonomie

  • die Verpackung darf den Anbieter des eigentlichen Produktes nicht zu viel kosten – denn solche Kosten sind schwer an den Käufer weiterzugeben
  • die Verpackung muss gut transportierbar sein, stapelbar, wenig Stauraum einnehmen – das würde Mehrkosten verursachen
  • die Entsorgung sollte möglichst beim Käufer erfolgen, sodass nicht der Produktanbieter dafür zahlen muss
  • alternativ kann man zur Rückgabe der Verpackung auffordern, und diese recycelt wieder einsetzen (Pfandflaschen)

Soziales

  • wie sind die Produktionsbedingungen für die Verpackung (faire Löhne, keine Kinderarbeit, keine Alters- oder Gender-Diskriminierung)?
  • wird mit der Verpackung ggf. noch ein sozialer Mehrwert geschaffen (Spende für jede zurückgebrachte oder gekaufte Verpackung)?

Aktuelle Verpackungen unter der Lupe

Die ersten beiden Beispiele stammen übrigens aus Twitter-Konsersationen der letzten Woche.

Alpenhain (Foto oben) – eine Papierverpackung müsste beschichtet sein, damit der Obazda nicht durchnässt (für Nichtbayern: das ist ein Camenbert-Paprika-Frischkäse und so weiter-Gemisch, auch als „Obatzter“ bekannt). Beschichtetes Papier hat aber ein schlechte Ökobilanz, daher ist Plastik besser. Die Verpackung soll neben dem „Appetit-machen“ und Kaufanregen noch den Käufer binden: mit dem Gewinnspiel. Dafür muss man erstens noch ein weiteres Alpenhain-Produkt kaufen. Und dann natürlich einschicken. So erhält Alpenhain die Käuferdaten und kann – je nach sicher korrekt eingeholter Erlaubnis – dem Käufer weitere Angebote machen.

Rügenwalder – hier kam gleich neben dem Lob für das Produkt selbst die Aussage „Verpackung könnte besser sein“ … Dabei hat Plastik nicht unbedingt die schlechtere Ökobilanz als Papier / Karton. Verpackung Rügenwalder

Löblich sind die ausführlichen (wenn auch durch die Schriftfarbe schwer lesbaren) Informationen zu Inhaltsstoffen und Nährwerten. Wie viele Käufer nun auch noch den QR-Code einscannen, um zusätzliche Rezepte zu erhalten, ist fraglich. Gut der Hinweis, dass bei den Veggie-Produkten Warme Küche von Rügenwalder die Verpackung zu 40 % aus recyceltem Material besteht (bei Aufschnitt sind es sogar  70 %). Insgesamt ist uns die Verpackung aber zu überfrachtet, so viele Infos überfordern in der Regel den Käufer. Weniger wäre hier mehr.
Dass sich Rügenwalder aber grundsätzliche gute Gedanken zur Nachhaltigkeit von Verpackungen macht, zeigt sich auch auf der Website: hier machen sie Vorschläge zum Upcycling ihrer Verpackungen. Auch informiert Rügenwalder ausführlich darüber, wie man korrekt den Müll fürs Recycling trennt, inwieweit sie schon ihre Verpackungen reduziert haben und warum Bioplastik unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten keine gute Alternative ist (nicht recycelbar, und Kompostierung dauert sehr sehr lange).

Negativbeispiel Verpackung von Tomaten

Frische Tomaten – in unserem edeka kann man die meisten Tomaten nur abgepackt kaufen. Die derzeit wohlschmeckendsten kommen (leider – Transportweg) aus den Niederlanden und sind in kleine stabile Plastikeimerchen verpackt:

Tomaten in Plastikeimer verpackt

Immerhin kann dieser kleine Eimer mit Henkel dann noch zur Aufbewahrung von Krimskrams oder anderen Upcycling-Ideen genutzt werden. Auf der Website der Verpackungsfirma finden sich leider keine Informationen, ob dieses Plastik in irgendeiner Form aus recyceltem Plastik besteht.
Die Alternativen an verpackten Tomaten sind Plastik- oder Papierschale, und Plastikhülle – auch die Bio-Tomaten. Alternativ kauft man die losen Tomaten und hat in Coronazeiten ein ungutes Gefühl, wer sie alles eventuell schon angetatscht hat.

Renaissance der Verpackung bietet Chance für nachhaltig ausgerichtete Unternehmen – und für die anderen auch …

Die Kunden möchten wieder mehr Verpackung. Neben den klassischen Marketingelementen sollte nun aber auch die Nachhaltigkeit mit in die Konzeption und Produktion einer Verpackung Einzug halten. Vor allem Anbieter von „grünen, klimafreundlichen, ökologischen, nachhaltigen“ Produkten sollten, ja müssen dies auch in der Verpackung berücksichtigen.

Und Anbieter nicht ökologischer Produkte – denn solche gibt es auch weiterhin – können zumindest mit einer nachhaltigen Verpackung zeigen: Wir tun etwas! Uns ist die Welt, uns ist die Zukunft nicht egal.

Daher zum Abschluss noch ein positives Beispiel: Einige Unternehmen haben sich zur Recyclat-Initiative zusammengeschlossen. Es wäre wünschenswert, wenn sich hier noch viel mehr Anbieter von Produkten, die ohne Verpackung nicht auskommen, anschließen würden. Einer der Vorreiter, die ihre Technologie dem Markt und damit allen zur Verfügung stellen, ist Werner & Mertz (Erdal, Frosch). Sie haben beispielsweise den weltweit ersten vollständig recycelfähigen Beutel aus Monomaterial (Polyethylen) mit abnehmbarer Banderole nach den Cradle2 Cradle-Gedanken realisiert: